Prolog

Marokko? Habt ihr keine Angst? Na, dann verabschiede ich mich schon mal…

So oder so ähnlich waren viele – erstaunlich viele – Reaktionen in meinem Umfeld auf die meist eher in einem Nebensatz erwähnten letzten Reisepläne von meiner Freundin und mir. Da ich selbst zwischen 2001 und 2006 beruflich – damals noch im Rahmen eines Projektes an der Uni – dort gearbeitet und daher häufig für einige Wochen im Jahr in dem Land unterwegs war, habe ich diese Fragen oder Äußerungen zunächst eher mit einer Mischung aus leichtem Unverständnis oder offen zur Schau gestellter Ignoranz an mir abprallen lassen. Bis mir die Häufigkeit und auch der Tenor dieser Fragen dann doch etwas zu denken gegeben haben… nicht bezüglich unserer Reisepläne, sondern eher um zu begreifen, woher all diese Angst und Unsicherheit eigentlich kommt. Hier also ein sehr persönlicher Versuch der fotografischen Aufarbeitung einer eigentlich nur ganz kurzen Reise… sozusagen als Erklärung für einige der Bilder im Portfolio.

Das Land

Es fällt mir schwer zu sagen, wie die gängigen Klischees von Marokko aussehen, da ich einfach schon meine Erfahrungen mit diesem Land und auch mit vielen anderen Ländern in Nordafrika und dem Nahen Osten gemacht habe. Aber ich vermute mal, es dürfte so eine Mischung aus den folgenden Bildern sein:

 

Eine Menge Wüste, Männer in blauen Gewändern, Frauen schwarz verschleiert und ein bisschen 1000 und eine Nacht. Und irgendwie ist das auch nicht so ganz falsch – aber dann doch wieder ziemlich. Klar gibt es Wüste, vor allem südlich vom Hohen Atlas und speziell in den Grenzregionen zu Algerien oder der umstrittenen West-Sahara. Allerdings sieht die nur ganz selten so malerisch aus wie bei diesen Dünenfeldern. Meistens sind es dann doch recht eintönige Stein- und Felswüsten, wobei ich selbst diesen auch viel abgewinnen kann. Dass weite Teile Marokkos grüner sind als viele Regionen in Zentral- oder Südspanien sei hier nur der Vollständigkeit halber mal erwähnt. Die blauen Gewänder tragen – abgesehen von ein paar Touristenführern und Souvenierverkäufern – auch nur sehr wenige Männer in den Wüstenregionen im äußersten Süden. Ansonsten erstreckt sich die Garderobe logischerweise von Hotpants bis zur Vollverschleierung. Wobei diese beiden natürlich die Extreme und damit selten bis sehr selten zu sehen sind. Hosen, Hemden, Pullis und Jacken sind eben nicht so exotisch und fotogen, aber entsprechen zu 90% der Realität dort, und diese unterscheidet sich nicht soooo sehr von dem, was man auch in Europa so sieht. Einzige auffallende Ausnahme in Marokko ist vielleicht die Djellaba, ein traditionelles langes Gewand, welches in verschiedenen Ausführungen von Frauen und Männern gleichermaßen getragen wird. OK, aber 1000 und eine Nacht gibt es wirklich, zumindest in Teilen von Marrakesch. Dort, auf dem wohl berühmtesten Platz Afrikas, dem Djemaa el Fna, findet man etwas, was wahrscheinlich in dieser Ausprägung einmalig auf der Welt ist. Zumindest habe ich es so in der Form und Größe noch nie gesehen und erlebt, auch nicht in anderen Metropolen des Orients, wie Kairo oder Damaskus (also früher, muss man leider angesichts der aktuellen Tragödie in Syrien sagen).

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Diese Mischung aus Farben, Lauten, Gerüchen, Geschmäckern und den unterschiedlichsten Menschen wäre allein eine Reise wert. Ich habe selten so etwas Intensives und fast Magisches erlebt. Wenn sich der Platz um den Sonnenuntergang herum zu füllen beginnt und die unterschiedlichsten Menschen – Torristen und Einheimisch, Arme und Reiche – von allen Seiten aus der ohnehin schon extrem spannenden Medina (der Altstadt) von Marrakesch auf den Platz zuströmen, begreift man ein wenig besser die Vielseitigkeit und Vielfalt in der Welt. Unbeschreiblich und unvergesslich für jeden, der sehen kann und sehen will… nicht nur mit den Augen 😉

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Die Wirklichkeit

Natürlich ist mir klar, dass Marokko abseits der oben angesprochenen Schönheit auch andere Seiten hat: Armut, Grausamkeit, Hässlichkeit, Ungleichheit, Willkür, … All das, oder zumindest das Meiste davon, sieht man auch als Besucher des Landes, zumindest wenn man will. Wenn man mit offenen Augen durch die Straßen – vor allem die Straßen der Großstädte – läuft, sieht man genügend arme Menschen offensichtlich betteln. Oder man schaut sich das Leben in den entlegenen Wüsten- und Gebirgsregionen an. Dort ist Armut nicht so offensichtlich, weil im Gegensatz zur Stadt der direkte Vergleich zur modernen Konsumwelt fehlt, und vielleicht ist sogar der Begriff Armut hier völlig falsch gewählt – da aus der Perspektive eines Großstadtmenschen mit normalem Job aus Deutschland betrachtet. Aber selbst wenn man es differenzierter sieht, ist das Leben dort zumindest von den äußeren Bedingungen so hart, dass einem eine tiefe Demut sehr schnell einholt. Als Nomaden in der Grenzregion zu Algerien zu leben – vor allem unter den seit einigen Jahrzehnten doch deutlichen Klimaveränderungen und der damit einhergehenden Trockenheit – ist etwas, was zumindest mir den allergrößten Respekt vor diesen Menschen abverlangt. Und trotz einiger Erlebnisse und Besuche vor Ort immer noch fast meine Vorstellungskraft sprengt…

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Auch sonst ist vieles von dem, was man/frau landläufig so denkt, prinzipiell nicht ganz falsch. Natürlich gibt es neben der vorhandenen Armut zudem starke Ungleichheiten. Die Rolle und Stellung der Frau kann man – auch wenn man dies zum Teil DEUTLICH differenzierter betrachten muss als es im ach so aufgeklärten und angeblich gleichberechtigten Westen oft passiert – je nach Situation als zumindest schwierig bis hin zu “zum Kotzen” schlecht beschreiben – und nein, für vieles davon gilt auch die “Entschuldigung” der kulturellen Unterschiede nicht. Falsches bleibt falsch, Unrecht bleibt unrecht! Immer! Politisch ist auch nicht wirklich alles zum Besten bestellt (sichere Drittländer sehen, vor allem für die Betroffenen, anders aus), wenngleich Marokko im Vergleich zu einigen seiner Nachbarn da noch recht gut davonkommt im Moment. Auch ökologisch muss man sich in mehr als einem Fall ebenfalls so seine Gedanken machen. Als eines der vielen Probleme in diesem Bereich ist der allgegenwärtige Plastikmüll wahrscheinlich das Offensichtlichste. Und für mich das Schockierendste, weil ich – nicht nur in Marokko – in den letzten 20 oder 25 Jahren die Zunahme dieses Problems selbst zu oft mit eigenen Augen gesehen habe. Diese sich über Kilometer ausdehnenden Plastikmüllfelder – oder wie auch immer man das bezeichnen will – wie sie auf den Bildern unten zu sehen sind, habe ich so auch noch nicht gesehen. Und im Gegensatz zum Meer, wo das Ganze nicht so einfach zu beseitigen ist, wäre hier eine Lösung so einfach… eigentlich.

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Aber – und dieses Aber ist wirklich ein großes – es gibt mindestens zu drei Dingen bezüglich all der eher schwierigen Themen etwas sehr Grundsätzliches zu sagen. Erstens sind Armut, Grausamkeit und Ungleichheit wahrlich keine Alleinstellungsmerkmale Marokkos oder des afrikanischen Kontinents. Sehen wir uns ruhig mal in unserer eigenen Umgebung um. Zweitens ist die im sogenannten Westen häufig anzutreffende Arroganz und auch die Vereinfachung der Welt – ohne eine wirkliche Kenntnis von dieser – sowas von fehl am Platz, dass mir manchmal schier die Worte fehlen. Und drittens stünde uns die Ehrlichkeit und auch die Unaufgeregtheit, mit der viele alltägliche Dinge dort einhergehen, hier auch manchmal sehr gut zu Gesicht. Fleisch in der Sonne ungekühlt beim Metzger hängen zu sehen oder einen echten nicht-touristischen Hamam (eine öffentliche Badeanstalt, also im Sinne von baden, nicht schwimmen 😉 ) zu betreten, führt einem sehr schön die Hysterie vor Augen, die hierzulande zu in unendlich viel Plastik verpackten und hochgezüchteten Hähnchenschenkeln und zu riesigen Supermarktregalen voll mit antibakteriell wirkenden Putzmitteln führt. Ach ja, und Gammelfleisch haben wir auch, nur dann wirklich Echtes…

Die Angst

Was hat das alles mit der Angst zu tun? Wenig und viel zugleich, denke ich. Das Thema füllt ganze Bücher und ist Teil endloser Diskussionen. Da es mir aber hier einfach mal “nur” um ein einziges Land und einen etwas entspannteren Umgang mit diesem geht, hier meine Meinung dazu.

Ist es manchmal gefährlich in Marokko? Oh ja! Allerdings lauern die vermutlich größten Gefahren hier zumeist auf den Überlandstraßen. Vor idiotischen Überholmanöver von Reisebussen, hoffnungslos überladenen LKWs oder übermütigen TaxiRENNfahrern sollte man sich zumindest etwas in Acht nehmen (das gilt aber schätzungsweise für 95% der Welt außerhalb von Luxemburg, Liechtenstein und Felix Austria 🙂 ). Ach ja, und die Motorradfahrer in den Gassen der Medina von Marrakesch sind wirklich irre und tatsächlich gefährlich. Aber sonst? Himmel, etwas gesunder Menschenverstand sollte dazu führen, nachts nicht in zumindest offensichtlich zwielichtigen Vierteln von Großstädten umherzuwandeln (die es aber seltener gibt als in vielen Großstädten Europas oder z.B. der USA). Und wer versuchen sollte, die gesperrte Grenze nach Algerien zu passieren oder auf eigene Faust die West-Sahara zu erkunden, der könnte auch auf gewisse Widerstände treffen. Aber sonst?

Da ist doch der Terror! Und die Islamisten! Und… ja, alles furchtbar. Und ja, auch in Marokko ist in der Vergangenheit was passiert, sowohl in Casablanca als auch in Marrakesch. Und ich müsste lügen, wenn ich behauptete, ich hätte beim Anblick des berühmten Café Argana – dem Ort eines schrecklichen und feigen Terroranschlags am 28. April 2011 mit 17 Todesopfern – nicht auch zumindest etwas mulmige Gefühle gehabt.

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Natürlich habe ich auch daran gedacht und mich einen Moment lang etwas – ich weiß nicht genau – unwohl oder zumindest nachdenklich gefühlt. Das hätte ich aber auch in Paris, in Brüssel oder an sonst einem anderen Ort der vergangenen Terroranschläge empfunden. Hier sollte man sich dringend mal vergegenwärtigen, dass es überall auf der Welt passieren kann, aber wahrscheinlich nicht wird. Flugzeuge können abstürzen, tun es aber in aller Regel nicht. Überall können Spinner und Radikale schlimme Dinge tun, müssen es aber nicht. Und ich finde, dass die individuelle Wahrscheinlichkeit, ein Opfer zu werden, so gering und gleichzeitig der Preis, sich die Freiheit nehmen zu lassen, sich frei zu bewegen, so hoch ist, dass ich lieber kurz durchatme und das einzig Sinnvolle mache: den Leuten vor Ort lächelnd die Hand reiche und davon ausgehe, dass es natürlich KEINE Attentäter sind. Die Wahrscheinlichkeit, auf meinem täglichen Arbeitsweg auf zwei der meistbefahrenen Autobahnen Deutschlands zu verunglücken, ist unendlich viel größer als Opfer eines Terroranschlags zu werden. Himmel, 99,99% der Leute dort sind friedliche Menschen und wollen auch nur leben… bitte nicht vergessen!

Die Demut

Was bleibt? Zunächst einmal viel Dankbarkeit, das Privileg und die Möglichkeit gehabt zu haben, mal wieder dorthin reisen zu können und wieder viel über die Welt gelernt zu haben. Und auch viel Demut. Bei all den oben bereits angedeuteten auch grausamen und unschönen Dingen, die man auf der Welt sieht, findet man dort oft auch so ungeheuer viel Humanität, verborgen in den kleinen Dingen des Alltags. In jedem Essen, jedem Blickkontakt, jedem Lächeln, jedem Versuch der Kommunikation, jedem Versuch, einander zu verstehen… denn es lohnt sich!

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Für mindestens zwei Menschen hat es sich in jedem Fall gelohnt. Und die Verarbeitung des Erlebten und der Gedanken läuft immer noch und immer wieder, vor allem in den vielleicht zu seltenen stillen Minuten des Lebens. Für den einen in Form der Fotos, für die andere als Graphic Novel 🙂

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Mir ist klar, wie problematisch Tourismus in vielerlei Hinsicht – zumal auch ökologisch – ist. Und ich kann dieses Dilemma damit leider nicht auflösen. Es wird problematisch bleiben, was auch immer ich dafür tue, es besser zu machen. Auch das Reisen ist eine Form von Tourismus, vielleicht sogar die mit dem deutlich stärkeren (und manchmal auch negativen) Einfluss auf ein Land als der typische Strand- und Hotelburgentourismus. Dennoch halte ich es – vor allem in Anbetracht dessen, wie sehr sich dämliche Vorurteile sowie idiotischer Nationalismus und Rassismus in aller Welt wieder ausbreiten – hier mit Kant.

Das Reisen bildet sehr;

es entwöhnt von allen Vorurteilen des Volkes,
des Glaubens, der Familie, der Erziehung.
Es gibt den humanen duldsamen Sinn, den allgemeinen Charakter.

Wer dagegen nichts sah, was ihn in der Sphäre,
worin er lebt, umgibt, hält leicht alles für notwendig
und einzig in der Welt, weil es in seiner Heimat dafür gilt.

– Immanuel Kant –

  • Sven

    Hallo Peter,
    ein richtig guter Artikel, der wahnsinnig Lust auf´s Reisen macht!
    Danke für den Anstoß!
    Sven

  • admin (author)

    Mit dem Fahrrad das Draa-Tal runter 😉
    Lgp

  • Benny Saniatan

    Die Straßen sind überfüllt mit zig tausenden von Menschen und jeder spricht eine andere Sprache und plötzlich, ganz plötzlich aus dem nichts fühlst du dich einsam und verloren, wie fehl am Platz. Du kannst ein paar Filme gesehen haben und einige Bücher darüber gelesen haben, aber nichts, aber auch gar nichts bereitet dich auf das vor was dich erwartet wenn du selbst dieses Land bereist und in die Kultur dieses Landes eintauchst.

  • admin (author)

    Als hätte ich genau diese Worte schon einmal irgendwo gelesen. Sollte wohl ein Zitat werden… 😉

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